Nina Ahrndt
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15.02.2019

Wenn Handwerk und Digitalisierung gemeinsame Sache machen

Die Interieur-Manufaktur Ahrndt ist bekannt für ihre exklusive Polster- und Bezugsarbeiten. In der Autosattlerei und Polsterei entstehen in Handarbeit individuelle Autointerieure, edle Bürostühle, Loungesessel und Ledersofas, alles in Einzelanfertigung, als Kleinserie oder als Prototyp. 2017 hat Ahrndt den Materialzuschnitt mit einem Zünd Cutter komplett digitalisiert.


Eigentlich hatte sie andere Pläne; nach Abitur und abgeschlossenem BWL-Studium arbeitete Nina Ahrndt in einem Grosskonzern, kam in der Welt herum. Eine spannende aber auch stressige Zeit sei das gewesen, erzählt die junge Unternehmerin im Gespräch. In den elterlichen Betrieb in Grossbottwar, eine Autostunde nördlich von Stuttgart, einzusteigen, konnte sie sich vorerst nicht vorstellen. Aber der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, der Anspruch, etwas zu bewegen, und der Ruf der Eltern überwogen dann doch. Seit Anfang 2017 leitet Nina Ahrndt die Familien-AG mit 20 Angestellten.


Vom roten Armaturenbrett über Innenverkleidungen aus Alcantara, Rennsitzen aus feuerfestem Material bis zu einzelangefertigten Ledersitzen erfüllt Ahrndt seiner Kundschaft fast jeden Wunsch, nach Mass und individuell. Die Produkte entstehen in aufwändiger Handarbeit, sämtliche Materialien werden von Hand zugeschnitten, die Schnittkonturen vorgängig mit Kartonschablonen auf das Material übertragen. Zumindest bis Anfang 2017 lief so der Zuschnitt typischerweise ab. Bis sich Nina Ahrndt als eine ihrer ersten Aufgaben im Familienbetrieb der Digitalisierung des Zuschnitts annahm. Denn mit der steigenden Vielfalt an Modellen und Variationen wurde das Handling der Kartonschablonen immer umständlicher, der präzise Zuschnitt mit der Schere erforderte einiges an Geschick und Routine und entsprach den Anforderungen immer weniger.


Die Idee, den Zuschnitt zu digitalisieren hat Vater Gernot Ahrndt. Der Sattlermeister und Firmengründer berät eine Zeit lang einen grossen Automobilzulieferer, der den Zuschnitt bereits mit Zünd Cuttern digitalisiert hat. Ahrndt ist so begeistert von deren Präzision und Leistungsfähigkeit, dass er beschliesst, ebenfalls in ein digitales Schneidsystem zu investieren.


Bei Neuentwicklungen, Prototypen und dergleichen zählt jeder Millimeter, erklärt Nina Ahrndt: «Wir leisten in der Sparte Ahrndt Development für viele Kunden Entwicklungsarbeit. Die finalen Schnittmuster können wir ihnen in der heutigen Zeit nicht mehr als Kartonschablonen zusenden. Heute verschicken wir diese auf Knopfdruck in digitaler Form, schnell und unkompliziert». Müssen Schnittmuster geändert und angepasst werden, was häufig vorkommt, geht das mit der entsprechenden Software am PC deutlich einfacher als mit den Kartonschablonen. Hinzu kommt, dass die Materialeffizienz ein grosses Thema ist, Leder ist ein teures Rohmaterial. Der Cutter hilft mit Software und Projektionssystem, die Schnittteile möglichst materialsparend auf dem Material zu verschachteln.


Auch ein Handwerksbetrieb wie Ahrndt kann sich dem digitalen Wandel nicht verschliessen: «Wir wollen auch in Zukunft am Markt bestehen können. Dazu müssen wir die Digitalisierung als Chance verstehen und zu unserem Vorteil nutzen», ist Nina Ahrndt überzeugt. Klar, es sei auch ein Schritt ins Ungewisse gewesen, sagt sie. Wir wird sich der digitalisierte Zuschnitt auf bestehende Arbeitsabläufe auswirken? Ist das nun der Anfang vom Ende der Handarbeit, der Handwerkskunst?


Doch die Bedenken verflogen schnell: «Der Cutter ist von unseren Mitarbeitenden als äusserst zuverlässige und exakt arbeitende Arbeitsunterstützung wahrgenommen worden und er hat auch niemandem den Job weggenommen. Wir schätzen die Vorteile, die Präzision, mit der die Teile zugeschnitten werden, was wiederum die Arbeit der Näherinnen und Sattler erleichtert». So werden beispielsweise die Knipse, die kleinen Dreiecke, mit denen die Nähpunkte markiert werden, heute mit dem Cutter in das Leder geschnitten. Früher wurden sie händisch aufgezeichnet und waren nicht selten schon wieder abgewischt, bevor die Teile die Näherei erreichten.


Die Digitalisierung ergänzt die Handarbeit, sie schafft sie nicht ab, davon ist Nina Ahrndt überzeugt: «Wir können hochindividualisierte Produkte anbieten, Grössen, die es standardmässig nicht gibt, in Handarbeit und in Einzelanfertigung. Dadurch können wir heute noch sehr viel genauer auf Kundenwünsche eingehen.» Und das Unternehmen sei anders positioniert, seit der Zuschnitt digital auf dem Zünd Cutter erfolgt, meint Nina Ahrndt abschliessend: «Wir können eine andere Qualität anbieten, unseren Kunden Schnittmuster auch digital zur Verfügung stellen. Wir haben unsere Prozesse optimiert und unser Kartonschablonen-Lager ist heute deutlich kleiner. Wir haben unseren Entscheid, den Zuschnitt mit einem Zünd Cutter zu digitalisieren, noch keine Sekunde bereut».